Posted in siehe Anlage on Juni 2nd, 2010 by Tino – Be the first to comment

Whitney Houston, Festhalle Frankfurt, 31. Mai 2010.
Eine große Frau betritt die Bühne. Sie gibt, was sie kann. Denn sie gibt von dem, was sie noch hat. Und das ist nicht viel und auch nicht wenig. Die Musiker, die Tänzer und der Background unterstützen sie großartig, tragen eine rauhe Stimme und heben sie hoch, damit sie wenigstens manchmal an die alte Sphäre erinnert, die nun nie wieder erreicht werden wird.
Das Publikum ist dankbar, wofür ich dem Publikum dankbar bin. Perfektion ist für niemanden zu erwarten gewesen, kein Wunder nach den vielen Berichten über die vorherigen Stationen der Welttournee. Und kein Wunder angesichts der Realität, die Whitney, eine der besten Sängerinnen der Welt, zum Schatten ihrer Göttlichkeit machte. Der Beifall ist großzügig und ehrlich. Nach einer manchmal endlos erscheinenden Zeit der nur lose zusammenhängenden Fragmente des Jazz, der Gespräche mit dem Publikum, der Pausen, der Erzählungen über Michael Jackson und der angedeuteten Melodien großer Lieder braucht es nur den kräftigen Sound eines alten Hits und die sich bemühende Whitney, um das Gefühl und die Gewissheit zu haben, nicht ganz zu spät zu kommen zu jener Frau, die vom Leben bestraft wurde. Dann donnern die Rhythmen durch die Halle, durch die Körper und durch die Seelen und wirken so, wie sie es immer taten. Dann ist alles vergessen und vergeben, dann zählt nur der Augenblick.
Es ist mehr eine Frage des Charakters und des Respekts als eine Darbietung auf hohem Niveau, und es betrifft das Publikum genauso wie Whitney. Beide sind füreinander da und bringen sich alles entgegen, was noch vorhanden und möglich ist. Die Unvergesslichkeit meines Abends ist garantiert; viel mehr garantiert als die Erinnerung an ein Konzert, das sich durch die dauerhafte Hochklassigkeit seiner Leistungsträger beliebig oft wiederholen ließe. Ich habe sie gesehen und gehört. Und bin dankbar.
Posted in siehe Anlage on April 10th, 2010 by Tino – Be the first to comment
Man kann ein Ei stundenlang kochen, ohne es weichzukriegen.
Oder man kann Diätkost in Unmengen essen, ohne ein einziges Gramm abzunehmen.
Aber das Sahnehäubchen des Unsinns findet sich am Alten Strom in Warnemünde.

Posted in Es war einmal... on April 1st, 2010 by Tino – Be the first to comment

Die zwanzig Jahre nach den vierzig Jahren sozialistischer Planwirtschaft haben gereicht, um die neuen Bundesländer über die Mechanismen kapitalistischer Märkte zu informieren, um die Notwendigkeiten veränderter Produkt- und Eigenwerbung zu erlernen und um das eigene Bemühen für maximalen Geschäftserfolg zu steigern. Besonders im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern, wo sich ein Fehler schneller und nachhaltiger rächt als an einem anderen Ort der Republik, sind das Werben um jeden Kunden, dessen Zufriedenstellung und der dadurch erzielte Umsatz oberste Gebote. Prinzipiell wurden diese Lektionen gut gelernt, zumal die wirtschaftlichen Zwänge, denen jeder einzelne Mensch unterworfen ist, kein anderes Handeln empfehlen können.
So ist es sehr verwundlich, in welchem Dialog ich mich plötzlich wiederfand. In einem der Rostocker Kauftempel, einem dieser großartigen Paläste aus Glas und Stahl in edler Lage, umzingelt von vielen bekannten Namen und Logos, suchte ich eine Chilimühle.
“Die Gewürzmühlen habe ich entdeckt. Aber die Chilimühlen nicht.”
“Da haben wir so viele gehabt. Und die haben wir so schnell verkauft. Und jetzt haben wir keine mehr. Gehen Sie doch mal rüber zu WMF, gleich auf der anderen Straßenseite.”
Auch Tage danach überlege ich noch, wen ich für das Schleudertrauma nach dem vielen Kopfschütteln verantwortlich machen soll.
Posted in Kalkutta on März 27th, 2010 by Tino – Be the first to comment

Manche Brücken sind viel mehr als funktionelle Bestandteile von Verkehrswegen. Sie gehören untrennbar zu den lebenden, atmenden Nervensystemen, von denen der Puls einer Stadt ebenso abhängig sein kann wie ihre Seele. Zu den populären Vertretern dieser Kategorie zählen die Golden Gate Bridge, die Brooklyn Bridge, aber auch die Alte Brücke von Mostar, die unter dem Beschuß durch kroatische Artillerie in den Fluß stürzte. Die Zerstörung schmerzte mehr als der reine Wegfall ihrer Verfügbarkeit. Es lohnt sich also, nach dem Wesen einer Brücke zu suchen.
Die Howrah Brigde in Kalkutta besitzt nicht dem Ruhm anderer großer Brücken, doch tatsächlich ist sie weltweit eine der wichtigsten. Seit 1943 wird sie an jedem Tag von zwei Millionen Menschen benutzt, um das andere Ufer des Hugli zu erreichen, einem der Ableger des Ganges im Mündungsdelta. Die Menge der mit purer Muskelkraft über die Brücke transportierten Waren übersteigt das Vorstellungsvermögen. Parallel dazu schieben sich auf sechs bis acht unmarkierten Spuren Fahrzeuge aller Art in beide Richtungen.
Das sind beeindruckende Eckdaten.
Doch wie immer in dieser Stadt ist das Gefühl, plötzlich ein Teil des chaotischen Ganzen zu sein, absolut überwältigend. Wie an anderen Orten entsteht auch hier eine Konzentration äußerer Einflüsse. Als durchschnittlicher Europäer braucht man eine spezielle innere Stabilität, um sich gänzlich frei zu fühlen und frei zu bewegen. Man ist allem und jedem ein Hindernis, sobald die Geschwindigkeit des großen Menschenstroms unterschritten wird. Deshalb bleibt man besser aufmerksam und geht den Masseträgheitskräften sich bewegender Körper aus dem Weg. Ein Schwimmen gegen den Strom ist nicht empfehlenswert. Das Geschehenlassen und die gleichmütige Hinnahme des Schicksals sind die besten Strategien, nicht das Ankämpfen. Die Außengeländer der Brücke bieten sich zum Verweilen an, wo Straßenhändler kleine Buchten bilden. Willkommene Zufluchtsorte in den Augenblicken einsetzenden Stresses.
Großen Respekt verdienen die Wartungsmannschaften, die für den Erhalt der eisernen Konstruktion sorgen. Schließlich sprechen wir über klimatische Extrembedingungen, in denen rostanfälliges Metall ohne entsprechenden Pflegeaufwand keine Chance hat, ein hohes Alter zu erreichen.
Die Polizei ist immer anwesend und hält die Wachhäuschen auf der Brücke ständig besetzt. Das Fotografierverbot wird somit offiziell durchgesetzt oder zumindest nicht allzu offensichtlich ignoriert. Meine Kamera und ich wurden lächelnd zur Kenntnis genommen.

Posted in Kalkutta on März 13th, 2010 by Tino – Be the first to comment

Unbedenklich erscheint er, dieser stete Regen. Nicht wenig ist es, was da vom Himmel kommt, aber auch nicht genug, als daß es nach wirklich viel aussähe. Doch der indische Monsun täuscht, er versteckt seine Mächtigkeit hinter den vielen Stunden des warmen Plätscherns. Und plotzlich stehen die Straßen unter Wasser, stehen die Menschen bis zu den Hüften in der braunen Brühe und stehen manche Existenzen vor den Ruinen ihrer Grundlagen. Meistens aber stehen die Bewohner der benachteiligten Stadtteile am nächsten Tag wieder ganz normal auf und eilen zu ihren Tätigkeiten. Sie kennen den Monsun und können ihn einschätzen. Außerdem wird durch das Wasser sogar relativ wenig zerstört, das sich nicht binnen kurzer Zeit wieder in den alten Zustand versetzen ließe.
Anderes ist wesentlich gefährlicher und häufig auch tödlich. In den trüben Fluten, die meistens barfuß oder in Badelatschen durchquert werden, lauern alle möglichen Krankheiten, die auch durch kleinste Verletzungen eindringen können. Ein spitzes Stück Metall im Wasser oder ein scharfer Stein findet sich überall. Die Umwelt hält ein reichhaltiges Repertoire an Infektionen bereit. Eine Ratte, in deren drastisch geschwundenem Lebensraum zu viele Menschenfüße herumtrampeln, verteidigt sich. Anopheles, die Steckmücke der Malaria, besetzt sofort neue Feuchtgebiete. Aus Fäkalien von Millionen Menschen werden Erreger herausgespült und freigesetzt, über die man gar nicht nachdenken möchte. Die Anzahl der Opfer läßt sich nicht beziffern; schon gar nicht in einer Stadt, die ihre eigenen Bewohner nicht beziffern kann und die eine Fehlerquote im siebenstelligen Bereich akzeptiert. Viel einfacher ist das Addieren der Ertrunkenen und der Unfallopfer.
Eine besondere Erwähnung verdienen die elektrischen Anlagen, die enorm viele Menschenleben fordern. In dem Augenblick, wenn ein Transformator absäuft und seine letzte Spannung unkontrolliert abgibt oder wenn ein loses Kabel ins Wasser fällt, zucken in der näheren Umgebung für einen kurzen Moment die Lampen. Sofort danach ist die alte Ordnung wieder hergestellt, die auch durch das Zählen und Beisetzen der Toten nicht nachhaltig gestört wird.

Posted in Kalkutta on März 5th, 2010 by Tino – Be the first to comment

Er sitzt in seinem Büro, einem angemieteten Erdgeschoss von stattlicher Größe. Das gesamte Inventar besteht aus dem, was wir sehen: einem Schreibtisch, einem Stuhl, einer Schreibmaschine. Und eine nackte Glühbirne baumelt von der Decke. Türen und Fenster sind weit geöffnet. Es ist ein großzügiges Reich, ein stiller Ort zum Arbeiten, zum Zuhören, zum Denken. Er arbeitet für jene, die auf das, was er gelernt hat, nicht verzichten können:
Lesen und Schreiben.
Er ist ein Schreiber, er erledigt jede erdenkliche Post.
Seine Kunden stehen neben ihm oder sitzen auf nacktem Boden und vertrauen ihm, abgeschottet von allen Augen und Ohren, vermutlich alles an! Dieses schäbige Büro kann es also mit jedem beliebigen Beichtstuhl aufnehmen. Bevor er sich mir zuwandte und seine Erlaubnis für ein Foto gab, entzog er alle herumliegenden Papiere dem Blick der Kamera. Die Vertraulichkeit und die Sorgfalt im Umgang mit fremden Belangen in einem Land, das kaum Privatsphäre kennt, waren überraschend und auch etwas ergreifend. Bei ihm dürfen Souveränität und Loyalität käuflich und trotzdem wahrhaftig sein.
Posted in Kalkutta on Februar 20th, 2010 by Tino – Be the first to comment

Die Luft Kalkuttas ist ein ununterbrochenes Ghetto, auf ewig bezwungen von Smog und Gestank. Licht durchdringt nur fade den bedrohlichen Grauschleier. Völlig unmöglich, einen einzigen reinen Sonnenstrahl aus dem atmosphärischen Fäulnisprozess zu extrahieren.
Meistens dämpft regelmäßiger Niederschlag den Gipfel der Belastungen und zwingt wenigstens einen kleinen Teil des Drecks zu Boden. Doch das Drama ist natürlich steigerungsfähig. Während der Trockenheit der Wintermonate verschlechtert sich die ohnehin schon unsägliche Luftqualität sofort um eine weitere Dimension.
Zwischen Dezember und Februar rächen sich die Gegensätze:
zwischen hunderttausenden, offenen Feuerstellen und der Fähigkeit, nuklear bestückte Marschflugkörper auf den ungeliebten Nachbarn Pakistan abzufeuern,
zwischen den wenigen modernen Verbrennungsmotoren aus den Werkshallen von TATA und den vielen Fahrzeugen mit Technik aus der Nachkriegszeit,
zwischen dem unbedingten Erreichenwollen industrieeller Konkurrenzfähigkeit im globalen Maßstab und dem Verzicht auf alle Maßnahmen zur Erhaltung des Lebensraums.
Hunger ist bedrohlicher als Husten.

Posted in Kalkutta on Februar 19th, 2010 by Tino – 1 Comment

Damit hat Indien generell kein Problem. Das Hakenkreuz, ein Symbol für Glück, ist so alt, daß dem Zeichen die Jahre des Dritten Reiches in diesem Teil der Welt nicht schaden konnten. Vom heutigen Verbot der öffentlichen Darstellung in Deutschland und von den damaligen deutsch-braunen Abgründen weiß kaum jemand. Allerdings wird Adolf Hitler selbst zutiefst verehrt, wobei das Ausmaß seines Wütens gleichgesetzt wird mit Stärke und Macht, mit Weitsicht und Vision, mit Größe und Glanz; und natürlich auch mit dem anfänglichen Erfolg und mit dem endgültigen Scheitern an den Streitkräften eines wohlbekannten Gegners und dessen Verbündeten, der Indien und ganz besonders West Bengal über viele Jahre unterdrückte und ausbeutete: The British Empire.
Der Dank an Deutschland fokussiert sich auf den Führer. Seine Wehrmacht band Englands Kräfte an den Kriegsschauplätzen in Europa, wodurch dem Subkontinent viele Hürden auf dem Weg in die Unabhängigkeit genommen wurden. Diese drastische Vereinfachung erscheint uns abstrus, doch sie steckt mit tiefen und festen Wurzeln im Gefühl eines Inders für die Vergangenheit und für die Gegenwart seiner Nation. Nach über sechs Jahrzehnten hat sich daran nicht viel geändert.
Man sieht, Nationalstolz ist nicht auf die Richtigkeit aller Elemente angewiesen, die ihn dazu machten. Die meisten Völker der Welt wissen das, die Alliierten des zweiten Weltkriegs wissen das, und Indien weiß das auch. Nur weiß Indien nicht, daß Deutschland das nicht wissen darf.
Posted in Kalkutta on Februar 16th, 2010 by Tino – 1 Comment

Näher heran konnte ich nicht, ohne brauchbares Zoomobjektiv wäre das Motiv chancenlos geblieben. Privatsphäre, Selbstschutz und Ekel verhinderten die Großaufnahme. Die fehlende Anbindung an die Wasser- und Abwasserversorgung, die extremen Temperaturen und der tägliche tausendfache Gebrauch der Einrichtung erzeugen einen Gestank, der nur noch in mathematischen Größenordnungen ausgedrückt werden kann. Der Gestank ist auf der anderen Straßenseite natürlich nicht weg, sondern nur etwas weiter weg. Mein Foto konnte ich dort aber machen.
Es irrt nun, wer glaubt, diese Anlage sei zu sehr einsehbar und nicht dezent genug. Im Gegenteil, hier sehen wir schon die bessere Ausgabe für den schamhaften Bevölkerungsanteil. Viel häufiger trifft man auf ein gemauertes oder betoniertes und völlig offenes Kreissegment am Rande des Gehwegs. Das, was mir sehr gewöhnungsbedürftig erscheint und woran ich mich gar nicht gewöhnen will, verblasst aber angesichts der Tatsache, daß man sich keine zwei Minuten in der Stadt bewegen kann, ohne jemanden beim Pissen zu entdecken, wo er gerade steht. Die Abwendung vom gehenden oder fahrenden Verkehr ist gottseidank obligatorisch.
Posted in Kalkutta on Februar 12th, 2010 by Tino – 3 Comments

Er war einfach nur da. Ein paar Meter abseits des Trubels saß er auf einem Stein, regungslos und ausdruckslos, scheinbar ohne Sinn und Zweck. So ähnlich stellt man sich die Szene vor, wenn sich ein Mensch der vergangenen Zeiten von der Familie verabschiedete und zum Sterben in den tiefen Wald oder auf das weite Eis zog. Es machte den Eindruck, als sei er verwundert darüber, noch auf der Welt zu sein oder darüber, daß die Welt ihn noch nicht von ihrem Antlitz entfernt hat. Ein auf das Unvermeidliche Wartender in jener Heimat, die zu ihrem eigenen Nachwuchs kaum ungastlicher und feindlicher sein kann. Bräche er an Ort und Stelle zusammen, bliebe von seiner Zeit auf Erden rein gar nichts übrig. Allein die Tatsache, daß ich ihn gesehen habe, ist Zeugnis seiner Existenz. Wäre er meinem Blick entgangen, würde sich das an seinem Todestag ändern, weil niemand mir jemals von ihm berichtet oder ihn mir gezeigt hätte. Es hätte ihn für mich nie gegeben; ebenso wenig, wie es ihn heute für Kalkutta gibt. Dann hätte er nie gelebt.