Butterfässer

Mit 66 Jahren…

Posted in Butterfässer on November 14th, 2009 by Tino – Be the first to comment

pudding

An so einem Samstag gibt es viel zu erledigen. Für Sonntag muß eingekauft werden. Die Kartoffeln müssen frisch sein, Tütenpudding und H-Milch natürlich auch. Ein Plausch mit dem Nachbarn, für den man von Montag bis Freitag leider nur kurz am Gartenzaun Zeit hatte, ist dringend fällig. Da ließen sich nur die Leute von Ackermann bis Gruber besprechen. Heute sind Hoffmann bis Ziegler dran. Nicht zu vergessen die aktuellen Arztberichte und die Verfehlungen der garstigen Kinder. Gut ist, daß der Laden anständig beheizt wird. Die Kälte draußen und die Nässe gehen gehörig durch die Knochen. Außerdem trifft es sich, daß hier neuerdings die Lottoscheine durchgezogen werden können. Seit die Suchtprävention das Spielen im Internet mit Auflagen spickt, treibt sich das Volk wieder in der Annahmestelle herum. Das neumodische Zeug war endlich mal für was gut und dann sowas! Man versteht kaum sein eigenes Wort. Wenn man schon da ist, wird auch gleich eine Briefmarke gekauft. Nächsten Samstag wieder eine. So kommt man wenigstens mal unter Menschen. Aber die jungen Leute vergällen einem die Freude mit ihrer Hektik. Können die nicht an einem anderen Tag einkaufen?

Zeit heilt keine Wunden

Posted in Butterfässer on November 12th, 2009 by Tino – Be the first to comment

Ein Suizid von prominenter Hand beschäftigt die Nation. Die Medien gießen noch zusätzlich Unmengen dieses angeblich besänftigenden Löschwassers der Aufklärung in die Glut des Vulkans, um Druck zu erzeugen und um die gewonnene Sprengkraft auf die Gemüter zu fokussieren. Doch, wie immer an dieser Stelle, dient Aufklärung nicht dem Zweck, durch Wissen der negativen Emotion die Kraft und dem Entsetzen den Nährboden zu nehmen. Dummerweise – oder glücklicherweise – endete das Finale nicht mit einem Haufen Schlaftabletten, sondern an einem ungemütlichen Novemberabend auf den Gleisen, die der Regionalzug RE 4427 benutzte.

Man fragt sich, was einen Menschen zu dieser Kompromißlosigkeit treiben kann,
ist erschrocken darüber, daß sowas überhaupt möglich ist,
glaubt, einen selbst könne nichts derart aus der Bahn werfen und
denkt, den Weg niemals mit aller Konsequenz beenden zu müssen.

Doch: Je reißerischer der Abgang dargestellt wird, umso ferner verweilt das eigene Sein vom Ereignis. Das Rampenlicht war immer weit weg und bleibt es auch, so etwas geschieht nur denen. Dabei wird unterschlagen, wie wenig sich die von allen Anderen unterscheiden. Allenfalls strahlen sie ein wenig mehr durch den Glanz, der von jenen aufgetragen wird, die nicht im Rampenlicht stehen und die sogar die Stromkosten dafür bezahlen. Aber Licht endet auf der Haut, darunter sind die Menschen gleich. Und für alle gilt, daß Zeit keine Wunden heilt.
narben
Verletzungen und Krankheiten aus Fleisch und Blut können heilen. Das muß meistens nicht rückstandsfrei passieren und ist dennoch keine Beeinträchtigung. Da werden ein paar dauerhafte Blessuren problemlos akzeptiert, solange ein gesundes Lachen die ätzende Patina der Krankheit wegzuspülen vermag. Doch wie groß muß die Angst vor der Ansteckungsgefahr sein, wenn eine angeschlagene Psyche leichtfertig den Heilkräften der Zeit anvertraut wird? Die Verletzungen der Seele hinterlassen ein Narbengeflecht, das für sich genommen schon wieder eine Krankheit ist, die sich mit der Zeit entwickelt.

Nicht nur die Schwere des Einzelfalles und die Häufigkeit der Eruptionen spielen eine Rolle, sondern die Addition aller Faktoren zur Summe der Narben, die unabhängig von ihren Ursachen ein Eigenleben führen. Wer auch immer meint, die Zeit könne Wunden heilen, ist dafür verantwortlich, daß irgendwo auf der Welt ein RE 4427 die Lösung sein kann. Er hätte es anders sicherlich besser machen können. Immerhin muß hinter ihm aufgeräumt werden. Und die Tat geht am Zugführer wahrlich nicht spurlos vorüber. Auch das macht eine Narbe. Es gibt weniger extreme Transportmittel, für die sich Menschen entscheiden können, um sich in eine andere Welt bringen zu lassen. Doch die gewählte Alternative zur Ausweglosigkeit ist ungleich ehrlicher und produktiver als das Abwimmeln mit dem Spruch, daß die Zeit Wunden heile.

Trägheitsgesetze

Posted in Butterfässer on Oktober 19th, 2009 by Tino – Be the first to comment

Sie glaubt, es würde ewig währen, verlebt unbekümmert und ungekümmert die Jahre.
Der erhoffte Garant lebenslanger Sorgenfreiheit wird wegbrechen, er war sowieso nie mehr als eine Hoffnung. Dabei sollte sich schon vor zehn Jahren die Erkenntnis durchgesetzt haben, wie wenig Vertrauen Gewohnheit verdient. Deutlicher konnte der Präzedenzfall schließlich nicht ausfallen.
Diese Art der Blindheit beschreibt nicht nur eine Massenträgheit unter dem trügerischen Deckmantel gesetzlicher Rahmenbedingungen, sondern auch die bewußt praktizierte Unfreiheit, weil Abhängigkeit von der Fremdversorgung immer etwas bleibt, dessen vorhersehbares Ende ein gewichtiger Grund zur Sorge ist und damit Anlaß für Bemühungen um konstruktive und sinnvolle Alternativen. Dieses Ende wird sich unausweichlich in die Verpflichtung verwandeln, das eigene Leben sicherzustellen. Dem ewigen Trotz zum Trotz.

Hertz-Schmerz

Posted in Butterfässer on August 16th, 2008 by Tino – Be the first to comment

Klangvolles Beglücken ist das tägliche Brot im Sendesaal des Hessischen Rundfunks.
Die ersten vier Musiker betreten die Bühne.
Die Pianistin richtet zum letzten Mal die Noten.
Der Flötist verrichtet unerklärliche Handgriffe an seinem Werkzeug.
Die Cellistin errichtet ein Bollwerk zwischen den Beinen.
Der Schlagzeuger berichtigt die Anordnung um sich herum.
Es beginnt.
Ich werde hingerichtet.
Young China, Nachwuchskomponisten aus dem Reich der Mitte. Sie fügen Töne aneinander, die keine Tonfolge ergeben wollen. Die Pianistin beklopft mit metallenen Schlägern das Innere des Flügels. Der Flötist erzeugt beißende Luftströme ohne Klang. Die Cellistin kratzt den Bogen parallel über die Saiten. Der Schlagzeuger hat seinen eigenen Flügel.
Young China ist nicht Good old Germany. Ich sehne den Mief herbei, wünsche mir den heiteren Klang um das Butterfass trällernder Weiber. Nicht alles war schlecht damals. Jeder Viervierteltakt ist besser als diese Taktlosigkeit.
Doch China wird auch diese Kulturrevolution überstehen. Mir gelang es schon nach dreißig Minuten.

Der längste Witz aller Zeiten

Posted in Butterfässer on Juli 5th, 2008 by Tino – Be the first to comment

Fünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Man gewöhnt sich daran, was ist; hat den Eindruck, eine Ewigkeit verbracht zu haben und noch eine Ewigkeit zu haben. Die Erfahrungswerte suggerieren, die Ewigkeit müsse ewig währen. Gestern ist heute ist morgen, die nächsten fünfundzwanzig Jahre sind gesichert. Und dann stellt sich alles als ein großer Witz heraus, der sich gut vorbereitet hat. Doch das Lachen bleibt aus, die Pointe greift nicht. Wird über die Pointe gelacht, ist der Witz vorbei. Und damit auch die Ewigkeit. Deshalb geht der Witz weiter. Ich lache nicht, bleibe und hoffe, ewig zu leben. Wie witzig.

2000

Posted in Butterfässer on Juli 5th, 2008 by Tino – Be the first to comment

Abschied von 2000.
Es war zum Verrücktwerden. Manchmal jedenfalls.
Ich bin inzwischen weiter, denke ich. Aber lange hielt es sich hartnäckig wider die Vernunft.
Meistens war 2000 ganz okay. Wenn jemand fragte, was ich an 2000 so sehr mag, warum ich immer noch daran festhalte, verblieb mir nur der Hinweis auf etwas, das ganz okay war.
Natürlich, 2000 hatte seine Macken. Alles hat seine Macken, die ganze Zeitlinie ist voller Macken. Jede einzelne Macke bohrt ein neues Loch in die maroden Grundfesten zunehmend verklärter Romantik.
Die Moderne lockte, der Eintritt in die Gegenwart. Dann wäre ich endlich in der Neuzeit angekommen, befreit vom muffigen Ballast.
Genug gezaudert, gehadert, verschleppt. Auf zu neuen Macken!
Nun habe ich Windows XP installiert.

Wofür eigentlich?

Posted in Butterfässer on November 7th, 2007 by Tino – Be the first to comment

Was ist das Butterfaß?
Ein hölzerner Trog, in dem, kraftvoll stampfend, aus der Milch das Fett extrahiert wird, welches dann Butter heißt.
Und was ist am Butterfaß so wichtig, wenn es heutzutage kein Mensch mehr benutzt? Schließlich kommt unsere Butter doch aus der industriellen Molkerei, manchmal sogar aus Irland. Mit dem Butterfass haben wir also nichts mehr zu tun; außer vielleicht im Heimatkundemuseum oder bei eBay. Erwähnenswert ist schlicht die Tatsache, daß das Butterfaß alt ist. Früher benutzte man es allerorts, heute gar nicht mehr. Die Zeiten wandeln sich. Aber viele Köpfe stampfen – nach wie vor – in Butterfässern. Verkrustet und überholt, unverbesserlich und unbelehrbar, hartnäckig resistent gegen neue Gedanken. Vor allem: besserwisserisch!