Ein Suizid von prominenter Hand beschäftigt die Nation. Die Medien gießen noch zusätzlich Unmengen dieses angeblich besänftigenden Löschwassers der Aufklärung in die Glut des Vulkans, um Druck zu erzeugen und um die gewonnene Sprengkraft auf die Gemüter zu fokussieren. Doch, wie immer an dieser Stelle, dient Aufklärung nicht dem Zweck, durch Wissen der negativen Emotion die Kraft und dem Entsetzen den Nährboden zu nehmen. Dummerweise – oder glücklicherweise – endete das Finale nicht mit einem Haufen Schlaftabletten, sondern an einem ungemütlichen Novemberabend auf den Gleisen, die der Regionalzug RE 4427 benutzte.
Man fragt sich, was einen Menschen zu dieser Kompromißlosigkeit treiben kann,
ist erschrocken darüber, daß sowas überhaupt möglich ist,
glaubt, einen selbst könne nichts derart aus der Bahn werfen und
denkt, den Weg niemals mit aller Konsequenz beenden zu müssen.
Doch: Je reißerischer der Abgang dargestellt wird, umso ferner verweilt das eigene Sein vom Ereignis. Das Rampenlicht war immer weit weg und bleibt es auch, so etwas geschieht nur denen. Dabei wird unterschlagen, wie wenig sich die von allen Anderen unterscheiden. Allenfalls strahlen sie ein wenig mehr durch den Glanz, der von jenen aufgetragen wird, die nicht im Rampenlicht stehen und die sogar die Stromkosten dafür bezahlen. Aber Licht endet auf der Haut, darunter sind die Menschen gleich. Und für alle gilt, daß Zeit keine Wunden heilt.

Verletzungen und Krankheiten aus Fleisch und Blut können heilen. Das muß meistens nicht rückstandsfrei passieren und ist dennoch keine Beeinträchtigung. Da werden ein paar dauerhafte Blessuren problemlos akzeptiert, solange ein gesundes Lachen die ätzende Patina der Krankheit wegzuspülen vermag. Doch wie groß muß die Angst vor der Ansteckungsgefahr sein, wenn eine angeschlagene Psyche leichtfertig den Heilkräften der Zeit anvertraut wird? Die Verletzungen der Seele hinterlassen ein Narbengeflecht, das für sich genommen schon wieder eine Krankheit ist, die sich mit der Zeit entwickelt.
Nicht nur die Schwere des Einzelfalles und die Häufigkeit der Eruptionen spielen eine Rolle, sondern die Addition aller Faktoren zur Summe der Narben, die unabhängig von ihren Ursachen ein Eigenleben führen. Wer auch immer meint, die Zeit könne Wunden heilen, ist dafür verantwortlich, daß irgendwo auf der Welt ein RE 4427 die Lösung sein kann. Er hätte es anders sicherlich besser machen können. Immerhin muß hinter ihm aufgeräumt werden. Und die Tat geht am Zugführer wahrlich nicht spurlos vorüber. Auch das macht eine Narbe. Es gibt weniger extreme Transportmittel, für die sich Menschen entscheiden können, um sich in eine andere Welt bringen zu lassen. Doch die gewählte Alternative zur Ausweglosigkeit ist ungleich ehrlicher und produktiver als das Abwimmeln mit dem Spruch, daß die Zeit Wunden heile.