Es war einmal...

Zwanzig Jahre danach

Posted in Es war einmal... on April 1st, 2010 by Tino – Be the first to comment

Die zwanzig Jahre nach den vierzig Jahren sozialistischer Planwirtschaft haben gereicht, um die neuen Bundesländer über die Mechanismen kapitalistischer Märkte zu informieren, um die Notwendigkeiten veränderter Produkt- und Eigenwerbung zu erlernen und um das eigene Bemühen für maximalen Geschäftserfolg zu steigern. Besonders im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern, wo sich ein Fehler schneller und nachhaltiger rächt als an einem anderen Ort der Republik, sind das Werben um jeden Kunden, dessen Zufriedenstellung und der dadurch erzielte Umsatz oberste Gebote. Prinzipiell wurden diese Lektionen gut gelernt, zumal die wirtschaftlichen Zwänge, denen jeder einzelne Mensch unterworfen ist, kein anderes Handeln empfehlen können.
So ist es sehr verwundlich, in welchem Dialog ich mich plötzlich wiederfand. In einem der Rostocker Kauftempel, einem dieser großartigen Paläste aus Glas und Stahl in edler Lage, umzingelt von vielen bekannten Namen und Logos, suchte ich eine Chilimühle.

“Die Gewürzmühlen habe ich entdeckt. Aber die Chilimühlen nicht.”
“Da haben wir so viele gehabt. Und die haben wir so schnell verkauft. Und jetzt haben wir keine mehr. Gehen Sie doch mal rüber zu WMF, gleich auf der anderen Straßenseite.”

Auch Tage danach überlege ich noch, wen ich für das Schleudertrauma nach dem vielen Kopfschütteln verantwortlich machen soll.

Am Haken

Posted in Es war einmal... on November 15th, 2009 by Tino – Be the first to comment

hakenGoethe-Gymnasium Auerbach/Vogtland.
Der Bau ist beeindruckend. Viele Generationen drückten die Schulbank zwischen roten Ziegelmauern, denen auch die vierzig Jahre der Vernachlässigung und mehrere Brände nicht viel anhaben konnten. Vieles veränderte sich seit 1895, vermutlich nahezu alles. Aber nicht wirklich restlos alles. Manche Details sind äußerst hartnäckig. Keine Renovierung und auch nicht die tiefgreifendste Sanierung kann den Geruch des Treppenhauses vertreiben, an den sich jeder Schüler erinnert, wenn er nach beliebig vielen Jahren an diesen Ort zurückkehrt. Auch kleine Dinge sind beständig. An diesen Haken in den Umkleiden zu den beiden Turnhallen hingen schon die Klamotten meiner Mutter. Das war in den Fünfzigern. Unter diese Haken macht einfach keiner einen Haken.

Mitten in Deutschland

Posted in Es war einmal... on November 8th, 2009 by Tino – 2 Comments

Ob sich Koblenz von Heidelberg unterscheidet oder von Tübingen oder von Oldenburg? Ein entrüstetes “Aber natürlich!” würde mir jeder ins Gesicht schleudern. Nur ist es mir eigentlich egal. Denn ich verbinde nichts mit diesen Orten. Ob da irgendwo ein Fluß plätschert oder zwei, ob da eine Uni beheimatet ist oder nicht… meine Begeisterung für Geographie und Geschichte war noch nie sehr ausgeprägt und wird es auch nie sein. Es soll bitteschön niemand enttäuscht darauf reagieren. Diese Trauer lohnt sich nicht; genausowenig die Mühe.
Aber ist das wirklich alles?
Nein, natürlich nicht. Veränderungen von Wertigkeiten geschehen in mir selbst und haben meine eigenen Gründe. Wahrheit setzt sich über Prinzipien hinweg, Gefühl sowieso. Selbstverständlich unterscheidet sich Koblenz von Tübingen und Heidelberg und Oldenburg. Die Erinnerung an Koblenz schuf eine Geschichte.

koblenz

Pan, der Flötist

Sonntagabend. Die Sommerhitze treibt Lebenshungrige aus dem Haus. Zu anstrengend sollte es nicht sein. Also Altstadt. Flöte nennt er sein Bistro. Und er ist Pan, der Flötist. Vom eifrigen Wasserträger untertänigster Sorte mutierte er zum Virtuosen auf der Klaviatur seiner Registrierkasse. Er zieht seinen Gästen zwar nicht das Fell über die Ohren, aber das Geld aus der Tasche. Kaum betreten wir das Reich der monetären Umverteilung von Verdienst nach Raffgier, schwärmt Pan auch schon um die neue Kundschaft herum und begrüßt sie auf eine Weise, die er seiner Mutter vermutlich schon seit Jahren nicht mehr zuteil werden läßt. Pan ist dick. Gut und gerne dreißig fette Pfunde verteilen sich auf Hüften, die ohne sie auch sehr gut zurechtkämen. Der Rest seiner unsäglichen Massen ist noch gar nicht mitgezählt. Wie das wabbelt, als Pan zum Tisch flitzt, den er uns zugedacht hat, als wären es die einzigen freien Plätze. Dabei zähle ich nur neun Nasen im Raum. Ungerade ist die Zahl deshalb, weil Pan selbst die neunte Nase ist. Eine zehnte an seiner Seite würde mich bei ihm doch sehr verwundern. Dafür besitzt er ja die Flöte. Machen ihm die Hosen zu schaffen? Besser wäre, sie täten es. Aber solcherlei Feinheiten finden in Pans Denken keinen Raum zur Entfaltung. So hängen die blutroten Shorts an den Stellen herum, die ausnahmsweise nicht prall gefüllt sind und von Pans zweiter, großer Leidenschaft neben der Flöte zeugen – dem Futtern! War das gerade ein Witz, der seinen dicken Backen entfleuchte? Es muß ein Witz gewesen sein, denn einer lacht. Acht Hirne suchen nach der versteckten Pointe und überbrücken die Zeit pflichtschuldigst mit verkniffenem Grinsen. Als sie dahinterkommen, daß Pointen in der Flöte grundsätzlich ein düsteres Dasein fristen, entsteht hinter dem einen Augenpaar das blanke Mitleid, in einem anderen Gesicht breitet sich unverhohlene Schadenfreude aus. Pan kennt den Unterschied nicht. Mit einem tödlichen Schauer der Verachtung möchte ich ihn strafen. Wie kann sich ein Mensch so gehen lassen? Wenigstens etwas Zurückhaltung würde ihm gut zu Gesicht stehen. Aber Pan plappert drauflos, kichert irre; manchmal tanzt er sogar herum und macht sich vollends zum Deppen. Kaufmännisch ergibt das Sinn, denn besser kann ein teuer bezahlter Animateur nicht einheizen. Vergessen Sie alle Sorgen – sehen Sie her, ich habe die größten! Wenigstens die Schirmmütze könnte er uns doch ersparen! Ein Markenzeichen besitzt dann besonderen Wert, wenn es zum herausragendsten Merkmal des Trägers wird. Bei Pan, der mit gesenktem Blick an seiner Kasse steht, verdeckt die Schirmmütze leider den freien Blick auf gierig zusammengekniffene Schweinsäuglein. Den anderen sieben Nasen sehe ich an ihren Spitzen an, daß sich in den dazugehörenden Köpfen ähnliche Überlegungen abspielen. Pan bleibt ahnungslos. Jede Erkenntnis zieht am Flötisten vorbei. Ob er wirklich keinen Schimmer davon hat, weshalb seine Gäste überhaupt herkommen? Zugegeben, der Laden ist sorgfältig aufgezogen, der Koch versteht sein Handwerk, peinliche Sauberkeit bis in die letzte Ecke. Aber so gut sind andere Gastronomien auch. Nein, dieser Depp ist der Grund. Die Leute genießen den Spaß, den Pan ihnen bereitet. Und damit darf er durchaus sehr zufrieden sein. Das geht völlig in Ordnung. Schließlich wird er gut bezahlt. Fürstlich sogar, wenn man bedenkt, daß für Armutszeugnisse sogar Trinkgelder gegeben werden. Pan führt nur ein Lokal. Ohne die Flöte ist er nichts. Sonst kann er nichts. Sonst macht er nichts, außer, was er immer macht.
Und was macht er? Was?
Pan verdient das Geld, mit dem er den Bestand seines Bistros auch morgen noch sicherstellen und seine Schulden bei der Bank zurückzahlen kann. Er nimmt den Hohn und verwandelt ihn in Umsatz, läßt den Spott die Rechnungen bezahlen. Er macht sich zum Idioten, damit die Gäste morgen wiederkommen und ihr Geld bei ihm lassen. All dies tut er für sein Unternehmen und für seinen Lebensunterhalt. Er schafft etwas, das ich nicht fertigbringe, weil mir Mut und Standfestigkeit fehlen. Das Zurückstellen von Stolz und Ego zugunsten des Ergebnisses verleiht Pan einen gewissen Charakter. Und darauf darf er stolz sein. Er ist so gelassen, daß er es den acht Blödianen, die ihre Füße unter seinen Tischen ausstrecken, noch nicht einmal mitteilen muß.

Infinitiv mit tu

Posted in Es war einmal... on Oktober 4th, 2009 by Tino – 1 Comment

Was sie lassen, ist nicht wichtig. Aber was sie tun, das ist wichtig. Genial wäre doch, könnten sie einfach alles tun lassen, also das Tun lassen. Das vereinfachte Vieles, für sie und für die Umwelt, sogar das Reden und ganz besonders das Zuhören wider Willen. Aber so leicht ist es nicht, weshalb sie das Lassen ganz aktiv selbst tun, quasi als Quasiaktion. An dieses Tun gewöhnen sie sich derart schnell, daß sie es sogar dann im Sprachgebrauch haben, wenn sie tatsächlich etwas tun.
Jedes Tun läßt sich mit der konjugierten Form des entsprechenden Verbes beschreiben. Der kürzeste Satz besteht aus zwei Wörtern, aus Subjekt und Prädikat. Die deutsche Sprache ist an dieser Stelle nicht schwerer als andere Sprachen. Aber so sprechen sie nicht, sondern so tun sie sprechen. Mir scheint, die Essenz aus Britt – Der Talk um Eins entwickelt sich zum Phänomen der Masse, entlastet die Schulklassen nach der achten und beschäftigt fortan lieber die Vaterschaftstester als die Lehrerkollegien. Zu den ersten Opfern aber gehören ganz sicher meine Schmerzrezeptoren.
Die Sprachreformer werden den Infinitiv mit tu eines Tages absegnen.

Urheberrechte sind teuer

Posted in Es war einmal... on September 19th, 2009 by Tino – 1 Comment

Bei jedem Versuch, es verstehen zu wollen, wird es schwieriger. Also bleibt nur übrig, das Verstehenwollen nicht mehr zu wollen und die Sache einfach auf sich beruhen und wahr sein zu lassen.
Und zu zahlen.
Worum es geht?
Irgendwo zwischen optischem Dilettantismus und perspektivischem Zufallstreffer entsteht bisweilen ein brauchbares Ergebnis, das dem Plan und seiner Ausführung entspricht. Die Kadenz verhält sich proportional zur Wahrscheinlichkeit einer Verwendung.
Bis hierhin ist die Geschichte eine sehr normale. Die Zusammenhänge versteht jeder Mensch, sie brauchen keine besondere Erwähnung.
Eigentlich.
Die Fotos liegen herum, heutzutage gewöhnlich binär auf einem Datenträger. Nach wie vor gilt natürlich, daß der Erschaffer über seine Werke bestimmt. Eine Fremdverwendung erfordert Zustimmung oder sogar eine Entlohnung für den Gebrauch des Materials. Zu Deutsch: Man kriegt etwas dafür. Zumindest hat man das Recht, etwas zu kriegen, wenn jemand das Bild haben will.
Bis hierhin ist die Geschichte immer noch eine sehr normale. Aber nun endet die Normalität, was wiederum für mich und meine Fotos die Normalität ist.
Wenn ich ein Foto mache, dann kann das eine teure Angelegenheit werden. Jedoch nicht für den fremden Verwender, sondern für mich. Die einzige Ausnahme liegt vor, wenn ich Eigenbedarf anmelde. Dann komme ich ungeschoren davon. Sobald aber ein gewisses Vögelchen die Beute erspäht, gierig wird und – selbstverständlich nur pro forma – die Enteignung mit einer überflüssigen Frage untermalt, zahle ich für meine eigene Arbeit. Es kostet mich ein Essen, auswärts oder home made. Es wird verlangt, ohne Diskussionen. Sollte das unverständlich sein, dann verweise ich auf den ersten Satz.

Einschläge

Posted in Es war einmal... on Februar 8th, 2009 by Tino – Be the first to comment

Sie kommen näher. Und sie werden häufiger. So sagt man jedenfalls. Daß es beim Sagen und Hören, also beim Hörensagen, nicht bleibt, gehört zu den Gesetzen, deren zunehmende Bedeutungsschwere auffällig wird, sobald die ersten Krater das eigene Gelände zum Zickzackkurs umgestalten. Für unschuldiges Geradeaus auf bekannten Wegen ist zunehmend die Erinnerung verantwortlich, die es genau hierfür zu bewahren gilt.
V. ging 2007, wurde nur 45.

upi
U. ging schon 1996, wurde nicht einmal 35.