Ob sich Koblenz von Heidelberg unterscheidet oder von Tübingen oder von Oldenburg? Ein entrüstetes “Aber natürlich!” würde mir jeder ins Gesicht schleudern. Nur ist es mir eigentlich egal. Denn ich verbinde nichts mit diesen Orten. Ob da irgendwo ein Fluß plätschert oder zwei, ob da eine Uni beheimatet ist oder nicht… meine Begeisterung für Geographie und Geschichte war noch nie sehr ausgeprägt und wird es auch nie sein. Es soll bitteschön niemand enttäuscht darauf reagieren. Diese Trauer lohnt sich nicht; genausowenig die Mühe.
Aber ist das wirklich alles?
Nein, natürlich nicht. Veränderungen von Wertigkeiten geschehen in mir selbst und haben meine eigenen Gründe. Wahrheit setzt sich über Prinzipien hinweg, Gefühl sowieso. Selbstverständlich unterscheidet sich Koblenz von Tübingen und Heidelberg und Oldenburg. Die Erinnerung an Koblenz schuf eine Geschichte.

Pan, der Flötist
Sonntagabend. Die Sommerhitze treibt Lebenshungrige aus dem Haus. Zu anstrengend sollte es nicht sein. Also Altstadt. Flöte nennt er sein Bistro. Und er ist Pan, der Flötist. Vom eifrigen Wasserträger untertänigster Sorte mutierte er zum Virtuosen auf der Klaviatur seiner Registrierkasse. Er zieht seinen Gästen zwar nicht das Fell über die Ohren, aber das Geld aus der Tasche. Kaum betreten wir das Reich der monetären Umverteilung von Verdienst nach Raffgier, schwärmt Pan auch schon um die neue Kundschaft herum und begrüßt sie auf eine Weise, die er seiner Mutter vermutlich schon seit Jahren nicht mehr zuteil werden läßt. Pan ist dick. Gut und gerne dreißig fette Pfunde verteilen sich auf Hüften, die ohne sie auch sehr gut zurechtkämen. Der Rest seiner unsäglichen Massen ist noch gar nicht mitgezählt. Wie das wabbelt, als Pan zum Tisch flitzt, den er uns zugedacht hat, als wären es die einzigen freien Plätze. Dabei zähle ich nur neun Nasen im Raum. Ungerade ist die Zahl deshalb, weil Pan selbst die neunte Nase ist. Eine zehnte an seiner Seite würde mich bei ihm doch sehr verwundern. Dafür besitzt er ja die Flöte. Machen ihm die Hosen zu schaffen? Besser wäre, sie täten es. Aber solcherlei Feinheiten finden in Pans Denken keinen Raum zur Entfaltung. So hängen die blutroten Shorts an den Stellen herum, die ausnahmsweise nicht prall gefüllt sind und von Pans zweiter, großer Leidenschaft neben der Flöte zeugen – dem Futtern! War das gerade ein Witz, der seinen dicken Backen entfleuchte? Es muß ein Witz gewesen sein, denn einer lacht. Acht Hirne suchen nach der versteckten Pointe und überbrücken die Zeit pflichtschuldigst mit verkniffenem Grinsen. Als sie dahinterkommen, daß Pointen in der Flöte grundsätzlich ein düsteres Dasein fristen, entsteht hinter dem einen Augenpaar das blanke Mitleid, in einem anderen Gesicht breitet sich unverhohlene Schadenfreude aus. Pan kennt den Unterschied nicht. Mit einem tödlichen Schauer der Verachtung möchte ich ihn strafen. Wie kann sich ein Mensch so gehen lassen? Wenigstens etwas Zurückhaltung würde ihm gut zu Gesicht stehen. Aber Pan plappert drauflos, kichert irre; manchmal tanzt er sogar herum und macht sich vollends zum Deppen. Kaufmännisch ergibt das Sinn, denn besser kann ein teuer bezahlter Animateur nicht einheizen. Vergessen Sie alle Sorgen – sehen Sie her, ich habe die größten! Wenigstens die Schirmmütze könnte er uns doch ersparen! Ein Markenzeichen besitzt dann besonderen Wert, wenn es zum herausragendsten Merkmal des Trägers wird. Bei Pan, der mit gesenktem Blick an seiner Kasse steht, verdeckt die Schirmmütze leider den freien Blick auf gierig zusammengekniffene Schweinsäuglein. Den anderen sieben Nasen sehe ich an ihren Spitzen an, daß sich in den dazugehörenden Köpfen ähnliche Überlegungen abspielen. Pan bleibt ahnungslos. Jede Erkenntnis zieht am Flötisten vorbei. Ob er wirklich keinen Schimmer davon hat, weshalb seine Gäste überhaupt herkommen? Zugegeben, der Laden ist sorgfältig aufgezogen, der Koch versteht sein Handwerk, peinliche Sauberkeit bis in die letzte Ecke. Aber so gut sind andere Gastronomien auch. Nein, dieser Depp ist der Grund. Die Leute genießen den Spaß, den Pan ihnen bereitet. Und damit darf er durchaus sehr zufrieden sein. Das geht völlig in Ordnung. Schließlich wird er gut bezahlt. Fürstlich sogar, wenn man bedenkt, daß für Armutszeugnisse sogar Trinkgelder gegeben werden. Pan führt nur ein Lokal. Ohne die Flöte ist er nichts. Sonst kann er nichts. Sonst macht er nichts, außer, was er immer macht.
Und was macht er? Was?
Pan verdient das Geld, mit dem er den Bestand seines Bistros auch morgen noch sicherstellen und seine Schulden bei der Bank zurückzahlen kann. Er nimmt den Hohn und verwandelt ihn in Umsatz, läßt den Spott die Rechnungen bezahlen. Er macht sich zum Idioten, damit die Gäste morgen wiederkommen und ihr Geld bei ihm lassen. All dies tut er für sein Unternehmen und für seinen Lebensunterhalt. Er schafft etwas, das ich nicht fertigbringe, weil mir Mut und Standfestigkeit fehlen. Das Zurückstellen von Stolz und Ego zugunsten des Ergebnisses verleiht Pan einen gewissen Charakter. Und darauf darf er stolz sein. Er ist so gelassen, daß er es den acht Blödianen, die ihre Füße unter seinen Tischen ausstrecken, noch nicht einmal mitteilen muß.