Einfach nur da

kalkutta157

Er war einfach nur da. Ein paar Meter abseits des Trubels saß er auf einem Stein, regungslos und ausdruckslos, scheinbar ohne Sinn und Zweck. So ähnlich stellt man sich die Szene vor, wenn sich ein Mensch der vergangenen Zeiten von der Familie verabschiedete und zum Sterben in den tiefen Wald oder auf das weite Eis zog. Es machte den Eindruck, als sei er verwundert darüber, noch auf der Welt zu sein oder darüber, daß die Welt ihn noch nicht von ihrem Antlitz entfernt hat. Ein auf das Unvermeidliche Wartender in jener Heimat, die zu ihrem eigenen Nachwuchs kaum ungastlicher und feindlicher sein kann. Bräche er an Ort und Stelle zusammen, bliebe von seiner Zeit auf Erden rein gar nichts übrig. Allein die Tatsache, daß ich ihn gesehen habe, ist Zeugnis seiner Existenz. Wäre er meinem Blick entgangen, würde sich das an seinem Todestag ändern, weil niemand mir jemals von ihm berichtet oder ihn mir gezeigt hätte. Es hätte ihn für mich nie gegeben; ebenso wenig, wie es ihn heute für Kalkutta gibt. Dann hätte er nie gelebt.

  1. Baumfee sagt:

    In Kalkutta hatte ich immer immer ein schlechtes Gewissen, obwohl wir für hiesige Verhältnisse dort sehr bescheiden und einfach gelebt haben.

    Ich habe viele Jahre in Indien gelebt, ich kehre nicht mehr zurück, da ich diese fetten Reichen, für die die Armen keine Menschen sind, nicht mehr aushalte…außerdem nichts tun kann. Ich konnte mich auch nach Jahren nicht daran gewöhnen, dass es für viele Menschen einfach nichts gibt.

    • Tino sagt:

      Baumfee,
      diese fetten Reichen sind aber nicht die Ursache des Übels, sondern nur seine logische Konsequenz. Vielleicht ist man gezwungen, dem Reichtum Weniger sogar noch dankbar zu sein, weil die Mittel in ausländischen Händen niemals die Chance hätten, dem Land auf irgendeine Weise zu nutzen; nicht heute und auch nicht morgen. Es ist eine Ironie, wie sehr dieses Volk an genau den Mechanismen festhält, die seine Entwicklung zu einer modernen Gesellschaft behindern. Der Hungrige meint, die Kaste des Verhungernden sei die gerechte Strafe für dessen minderwertige Geburt. Der Satte schaut genauso verächtlich auf den Hungrigen wie der Wohlhabende auf den Satten. Am Ende dieser Hierarchie muß es natürlich jemanden geben, dessen Status nicht mehr zu toppen ist und der diesen gottgleichen Stand nur deshalb unangefochten genießen kann, weil die Masse sich dafür zur Grundlage macht. Den Zorn verdienen also nicht die Menschen am Anfang und am Ende der Leiter, sondern die ungezählten Schichten dazwischen, die im unablässigen Sichern der Rangordnungen alle Möglichkeiten zur systematischen Verbesserung der unwürdigen Lebensstandards verspielen.

      • Baumfee sagt:

        Ja, sicher ist das richtig, was Du schreibst. Ich habe es etwas emotional und verkürzt geschrieben. Ich habe so viele grauenvolle Szenen im Kopf, die jetzt, nach 9 Jahren Abstinenz von Indien, erst richtig hochkommen.
        Das eigentlich gräßliche war auch, dass ich mich doch irgendwie an die Zustände gewöhnt hatte – ist mir aber jetzt erst richtig klar geworden.

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