Luft und Erde sind Wasser

Unbedenklich erscheint er, dieser stete Regen. Nicht wenig ist es, was da vom Himmel kommt, aber auch nicht genug, als daß es nach wirklich viel aussähe. Doch der indische Monsun täuscht, er versteckt seine Mächtigkeit hinter den vielen Stunden des warmen Plätscherns. Und plotzlich stehen die Straßen unter Wasser, stehen die Menschen bis zu den Hüften in der braunen Brühe und stehen manche Existenzen vor den Ruinen ihrer Grundlagen. Meistens aber stehen die Bewohner der benachteiligten Stadtteile am nächsten Tag wieder ganz normal auf und eilen zu ihren Tätigkeiten. Sie kennen den Monsun und können ihn einschätzen. Außerdem wird durch das Wasser sogar relativ wenig zerstört, das sich nicht binnen kurzer Zeit wieder in den alten Zustand versetzen ließe.
Anderes ist wesentlich gefährlicher und häufig auch tödlich. In den trüben Fluten, die meistens barfuß oder in Badelatschen durchquert werden, lauern alle möglichen Krankheiten, die auch durch kleinste Verletzungen eindringen können. Ein spitzes Stück Metall im Wasser oder ein scharfer Stein findet sich überall. Die Umwelt hält ein reichhaltiges Repertoire an Infektionen bereit. Eine Ratte, in deren drastisch geschwundenem Lebensraum zu viele Menschenfüße herumtrampeln, verteidigt sich. Anopheles, die Steckmücke der Malaria, besetzt sofort neue Feuchtgebiete. Aus Fäkalien von Millionen Menschen werden Erreger herausgespült und freigesetzt, über die man gar nicht nachdenken möchte. Die Anzahl der Opfer läßt sich nicht beziffern; schon gar nicht in einer Stadt, die ihre eigenen Bewohner nicht beziffern kann und die eine Fehlerquote im siebenstelligen Bereich akzeptiert. Viel einfacher ist das Addieren der Ertrunkenen und der Unfallopfer.
Eine besondere Erwähnung verdienen die elektrischen Anlagen, die enorm viele Menschenleben fordern. In dem Augenblick, wenn ein Transformator absäuft und seine letzte Spannung unkontrolliert abgibt oder wenn ein loses Kabel ins Wasser fällt, zucken in der näheren Umgebung für einen kurzen Moment die Lampen. Sofort danach ist die alte Ordnung wieder hergestellt, die auch durch das Zählen und Beisetzen der Toten nicht nachhaltig gestört wird.

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