Howrah Bridge

Manche Brücken sind viel mehr als funktionelle Bestandteile von Verkehrswegen. Sie gehören untrennbar zu den lebenden, atmenden Nervensystemen, von denen der Puls einer Stadt ebenso abhängig sein kann wie ihre Seele. Zu den populären Vertretern dieser Kategorie zählen die Golden Gate Bridge, die Brooklyn Bridge, aber auch die Alte Brücke von Mostar, die unter dem Beschuß durch kroatische Artillerie in den Fluß stürzte. Die Zerstörung schmerzte mehr als der reine Wegfall ihrer Verfügbarkeit. Es lohnt sich also, nach dem Wesen einer Brücke zu suchen.
Die Howrah Brigde in Kalkutta besitzt nicht dem Ruhm anderer großer Brücken, doch tatsächlich ist sie weltweit eine der wichtigsten. Seit 1943 wird sie an jedem Tag von zwei Millionen Menschen benutzt, um das andere Ufer des Hugli zu erreichen, einem der Ableger des Ganges im Mündungsdelta. Die Menge der mit purer Muskelkraft über die Brücke transportierten Waren übersteigt das Vorstellungsvermögen. Parallel dazu schieben sich auf sechs bis acht unmarkierten Spuren Fahrzeuge aller Art in beide Richtungen.
Das sind beeindruckende Eckdaten.
Doch wie immer in dieser Stadt ist das Gefühl, plötzlich ein Teil des chaotischen Ganzen zu sein, absolut überwältigend. Wie an anderen Orten entsteht auch hier eine Konzentration äußerer Einflüsse. Als durchschnittlicher Europäer braucht man eine spezielle innere Stabilität, um sich gänzlich frei zu fühlen und frei zu bewegen. Man ist allem und jedem ein Hindernis, sobald die Geschwindigkeit des großen Menschenstroms unterschritten wird. Deshalb bleibt man besser aufmerksam und geht den Masseträgheitskräften sich bewegender Körper aus dem Weg. Ein Schwimmen gegen den Strom ist nicht empfehlenswert. Das Geschehenlassen und die gleichmütige Hinnahme des Schicksals sind die besten Strategien, nicht das Ankämpfen. Die Außengeländer der Brücke bieten sich zum Verweilen an, wo Straßenhändler kleine Buchten bilden. Willkommene Zufluchtsorte in den Augenblicken einsetzenden Stresses.
Großen Respekt verdienen die Wartungsmannschaften, die für den Erhalt der eisernen Konstruktion sorgen. Schließlich sprechen wir über klimatische Extrembedingungen, in denen rostanfälliges Metall ohne entsprechenden Pflegeaufwand keine Chance hat, ein hohes Alter zu erreichen.
Die Polizei ist immer anwesend und hält die Wachhäuschen auf der Brücke ständig besetzt. Das Fotografierverbot wird somit offiziell durchgesetzt oder zumindest nicht allzu offensichtlich ignoriert. Meine Kamera und ich wurden lächelnd zur Kenntnis genommen.

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