Nicht selbstverständlich

Posted in Kalkutta on Februar 7th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Ein Name. Besser noch:  zwei Namen, also einen Vornamen und einen Nachnamen. Mit nur einem Namen reicht es nicht für einen Briefkasten in diesem Hauseingang, weil das Fehlen des zweiten Namens den niedrigen Kasten vorbehalten bleibt.
Allgemeinbildung, Lesen und Schreiben, die nächste Hürde. Ohne diese Kenntnisse macht ein Briefkasten nicht viel Sinn; egal an welcher Mauer.
Viel besser noch: Hochschulbildung. Ohne besondere Fähigkeiten tut es auch ein beliebiger Briefkasten oder eine andere Art der Zustellung. Überhaupt kann ein Briefkasten nur für jemanden sinnvoll sein, dessen Position wichtig genug ist für diesen Aufwand.
Geld. Ohne Geld gibt es im Kaffeehaus, in dessen Eingang die Briefkästen hängen, so wenig zu verzehren wie in jeder x-beliebigen anderen Gastronomie.
Mit all den genannten Mitteln erst wird es möglich, das wichtigste Kriterium für einen Briefkasten in diesem Hauseingang zu erfüllen: Ein Jemand muß man sein, zur Intelligenz gehören, geachtet, gebildet, wichtig.
An einen lebendigeren, ursprünglicheren, natürlicheren Ort in dieser Stadt erinnere ich mich nicht. Es müssen viele freie Geister gewesen sein, die den alten Mauern Seele einhauchten. Die würdigen Nachfolger sollen ihre Briefkästen haben und genießen.

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Mit Sicherheit

Posted in Kalkutta on Februar 3rd, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Das ist ein öffentlicher Münzfernsprecher, verankert und verriegelt und verrammelt am Kolkata International Airport. Nur einen halben Steinwurf entfernt hat sich das Militär zum Schutz des Flughafens mit Sturmgewehren hinter einem Tarnnetz eingenistet. Das Telefon ist also in Sicherheit.
Ein lustiger Anblick, nicht wahr?
Aber wie so oft wird das Belächeln einer Kuriosität schnell bitter, wenn sie in das ortsansässige Verhältnis gesetzt und neu betrachtet wird. Der Inhalt dieses Kleingeldspeichers würde keine deutsche Currywurst finanzieren und bedarf trotzdem drastischer Maßnahmen, um nicht gestohlen zu werden. Gerne würde ich erfahren wollen, wer das Märchen von sagenhaften Reichtümern, wunderschönen Menschen, phantastischen Geheimnissen, betörenden Düften, führenden Wissenschaften und großen Künsten in die Welt gesetzt hat. Für die meisten Menschen in Indien ist dieses Telefon die Wahrheit.

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Fragen über Fragen

Posted in Kalkutta on Januar 31st, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Was ich da erblickte, hat sich bis heute nicht offenbart. Als Einziges steht zweifelsfrei fest, daß am anderen Ufer des dreckigen Tümpels Spannbettlaken zum Trocknen hingen, die vorher in eben diesem Tümpel von Hand gewaschen wurden. Die schiere Menge der Bettwäsche läßt auf einen größeren Auftraggeber schließen. Ein Krankenhaus kann es nicht sein … das behaupte ich jetzt mal so und hoffe dringend, Recht zu haben. Ein Hotel sollte es nicht sein. Doch es muß sich um eine Einrichtung mit entsprechend vielen Betten handeln, eine – wie auch immer geartete – Ansammlung von Quartieren. Vielleicht sollte ich der Nichtbeantwortung meiner Fragen danken.

Im Ernst, kein Spaß

Posted in siehe Anlage on Januar 30th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Im Ernst wurde nicht gelacht, jedenfalls keinesfalls im Neu Isenburg Center. Die Erwartungshaltung des Gastes hatte sich auf den Sitzplatz und auf den Verzehr zu beschränken. Für ein positives Gefühl war allein die eigene Begleitung oder der Nachbartisch zuständig. Der Aufgabenbereich der Bedienung blieb unerbittlich.
Nur zaghaft nagen charakterliche Varianzen mittlerweile am spaßbefreiten Grundsatz und versuchen es mit vorsichtiger Freundlichkeit. Es könnte so hoffnungsvoll sein, wenn es bedeutsamer wäre als ein individueller Wesenszug, als ein Einzelfall. Dem Ernst kann man nur die Einsicht wünschen, daß Freude am Verweilen nichts ist, was sich der Gast erst mit höheren Preisen erkaufen will. Die Klientel kommt direkt aus dem Leben und ist nicht abgestumpft genug, um sich gastronomischen Alternativen zu verweigern.

Müll

Posted in Kalkutta on Januar 30th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Indiens politische Verpackungskünstler bezeichnen den Müll als unverzichtbare Basis für den Lebensunterhalt Vieler, als ein in sich geschlossenes und funktionierendes und höchst effizientes System zum Wohle der Nation.
Schönreden und zusammenlügen läßt sich ja alles.
Man muß nur den Arzt verschweigen, den es braucht, um die Verletzungen zu behandeln und die Infektionen und die Vergiftungen, die man sich beim Arbeiten im Müll zuzieht. Doch richtig, den kann man getrost verschweigen, weil diese Menschen keinen Arzt bezahlen können und folglich auch keiner aufgesucht wird.
Man muß nur die Umwelt verschweigen, die zum Himmel stinkt, die unter den Millionen Tonnen erstickt.
Man muß nur die Lebenqualität verschweigen, was sowieso das Einfachste ist, weil niemand die Bedeutung des Wortes kennt.
Man muß nur die Möglichkeiten verschweigen, die vertan werden, weil sich Inverstoren aller Art überlegen müssen, ob sie ihre Mittel in Projekte zwischen Müllbergen stecken wollen.

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Wertlos

Posted in Kalkutta on Januar 13th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Vermutlich lebt sie heute nicht mehr. Alle Fakten sprechen dagegen. Sie liegen ganz offen vor mir, verkörpert durch den Leib des Mädchens, den die Mutter dem Dreck der Straße überläßt. Das Schicksal machte sie zum Kind eines Landes, das seine Söhne bevorzugt. Die Armut verhindert nicht nur jede Bildung, sondern auch das Heranwachsen zu einer gesunden – oder doch wenigstens leistungsfähigen – Frau. Die verkrüppelten Füße und die in den Gelenken verdrehten Beine können den winzigen Körper und den großen Kopf nicht tragen. Ihre absolute Chancenlosigkeit wird dadurch besiegelt, daß sie wegen ihres körperlichen Zustandes natürlich auch unverkäuflich ist. Selbst das Dasein im Zustand der Ausbeutung wäre eine Maßnahme, die ein Überleben zumindest wahrscheinlicher macht. Doch so, wie sie da liegt, steht ihr auch das rechtloseste Leben nicht zu, da sie für keinen Menschen jemals von Nutzen sein wird. Sie ist nicht ihr eigenes Leben wert.

Heiliger Mann

Posted in Kalkutta on Januar 12th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Es geht ihm gut. Er weiß nämlich nicht, was ihm fehlt. Denn ihm fehlt tatsächlich nichts. Ein paar Klamotten am Leib und ein leichtes Bündel; mehr ist es nicht, womit er sich belastet. Was er braucht, das bekommt er. Es finden sich immer Menschen, die für alle Existenzbedürfnisse eines heiligen Mannes aufkommen, die mit ihm auch das Letzte teilen und für die eine Berührung von ihm und ein Gespräch mit ihm sättigender ist als eine Mahlzeit. Sein Fallenlassen der Zwänge im Leben und im Geiste ist befreiend für jene, die in einer Existenz gefangen sind, aus der es kein Entrinnen gibt. Jedenfalls nicht in diesem Leben.

Trügerisch

Posted in Kalkutta on Januar 9th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Zugegeben, was er da zu bewachen hat, ist nicht besonders gefährdet. Den Great Banyan Tree stiehlt so schnell niemand. Es handelt sich um den größten Baum der Welt, dessen unzählige luftwurzelnde Ableger ein zusammenhängendes Areal von eineinhalb Hektar besiedeln. Aber die ganze Wahrheit zur mächtigen Riege der Ordnungshüter ist das nicht. Am besten geht man ihnen aus dem Weg, verhält man sich unauffällig, erregt man kein vermeidbares Interesse. Die tief im Land verwurzelte Korruption beginnt ganz unten, beim direkten Kontakt des Staates mit seiner Bevölkerung in Form von Ämtern und Beamten. Die Rechtsstaatlichkeit der größten Demokratie der Welt wird schon an der Basis durch die Willkür mit all ihren Facetten verhindert; gedeckt und toleriert von den jeweiligen Gehaltsklassen darüber. Insofern ist dieses Bild kein Abbild der Realität. Das einzig Echte daran ist die gemütliche Ruhe, die vom Polizisten ausgeht. Ich bin sicher, er wird wissen, warum er sie sich leisten kann.

Flower Market

Posted in Kalkutta on Januar 9th, 2010 by Tino – Be the first to comment

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Ein Blick von der Howrah Bridge in den bunten Abgrund.
Dieser Blumenmarkt hat keine Ähnlichkeiten mit dem fleuropäischen Gewerbe. Einen bunten Strauß wird man nicht finden. Wer aber eine Blütenkette braucht oder eine ganze Wagenladung davon, der ist hier richtig. Kultur und Religion verlangen nach Unmengen der zarten Blätter. Autos benötigen keine Sicherheitspakete nach westlichem Vorbild, sondern frische Blumen auf den Armaturen. Ungeschmückte Feste? Völlig undenkbar! Und auch die Küche verlangt nach spirituellen Zutaten. Für die Erwartungshaltung des Fremden, der bereits seine Erfahrungen in dieser Stadt gemacht hat, wird der Gang über den Flower Market zur Überraschung. Ein farbenprächtiger Wahnsinn.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Posted in Kalkutta on Dezember 7th, 2009 by Tino – Be the first to comment

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Fleischmarkt im New Market.
Die Stadt hat Superlative zu bieten. Der Fleischmarkt gehört zweifellos zu den fragwürdigsten. Über viele Dinge kann man hinwegsehen, aber dieser Ort bleibt unvergleichlich und unglaublich. Die Augen sorgen genauso dafür wie die Ohren und die Nase. Der Gesamteindruck haftet unauslöschlich am Gedächtnis wie der Drang nach einer Ganzkörperdesinfektion.
Die Vögel holen sich weg, was sie wollen. Dafür lassen sie liegen, was sie nicht mehr brauchen. Die hölzernen Böcke sind aber noch sauberer als der gestampfte Boden, der als Schlachtbank ebenso taugt wie als Lagerstätte für volle Schweineblasen. Was die Hunde dort machen, will ich gar nicht so genau wissen. Man muß kein Experte sein, um Art um Umfang der Keime abzuschätzen; es sind vermutlich … alle! Es bleibt die dringende Hoffnung, das Hotel möge sich anderer Lieferanten bedienen.